"Vorlesungsverzeichnisse" an Musikschulen

 

von Stefan Goeritz

 

 

Die Anmeldung an Musikschulen beinhaltet oftmals einen ebenso plötzlichen wie in seinen Folgen tiefgreifenden Akt musikalischer Konditionierung. Dieser ist für Eltern und Schüler meist nicht durchschau- und in seinen Folgen nicht absehbar.

 

Der Mechanismus funktioniert z.B. auf folgende Weise: Schülerin A möchte ein bestimmtes Instrument spielen, ihre Eltern melden sie an der Musikschule an. Nun wird diese Schülerin einer bestimmten Lehrkraft zugeteilt, die eben z.B. gerade Deputat frei hat. Oder das Instrument an der Schule als einzige unterrichtet. Oder, wie an den meisten Musikschulen möglich, ihrer Wunschlehrerin. Die soll sehr gut sein…die war beim Tag der offenen Tür sehr nett…

 

Nun könnte z.B. folgendes festgelegt sein:

 

Schülerin A wird ziemlich viel Zeit mit Lehrerin B verbringen. Diese ist der Meinung, für den Erfolg beim Erlernen eines Instruments sei die Instrumentaltechnik entscheidend. Die Tonschönheit genieße auf der musikalischen Werteskala absolute Priorität. Improvisation könne sie selbst nicht. Zeitgenössische Musik wolle sowieso keiner. Für Theorie und Gehörbildung gebe es kaum noch Zeit.

 

Wenn alles gut läuft, wird Schülerin A bei Jugend musiziert reüssieren und aufgrund ihrer vollendeten Tongestaltung und ihrer hervorragenden Instrumentaltechnik sehr erfolgreich abschneiden, vielleicht sogar später einmal Musik studieren und Orchestermusikerin werden. Dies alles wird wiederum bewirken, dass auch die Schüler X, Y und Z den Lehrerin B als Wunschlehrerin angeben. Was aber wird aus den Schülern, die sich mir Technik eher schwer tun, die nicht wissen, dass sie über eine Hochbegabung für Komposition verfügen oder für das Verfassen der schönsten Songs? Die eigentlich auch gerne selbst Musik produziert hätten und sich für das Thema Interpretation nur mäßig begeistern können? Deren Musikgeschmack sich im Laufe der Zeit zwischen dem achten und dem 18. Lebensjahr auf wundersame Weise zu wandeln beginnt? Die sich den Dj’s in Tomorrowland wesentlich näher fühlen als den Orchestermusikern ihrer Heimatstadt? Sie werden sich irgendwann abmelden, bestenfalls ummelden und dann wahrscheinlich ihre bei Frau B mühsam erlernten instrumentalen Fertigkeiten an den Nagel hängen und dort lange Zeit oder für immer belassen. Und selbst Schülerin A wird vielleicht schmerzlich bemerken, dass sie all die Musiker sehr bewundert, die spielen können, was (noch) in keinen Noten verzeichnet ist und dass sie dies eigentlich auch gerne können würde oder sogar müsste, um sich selbst als Musikerin fühlen zu können. Tausend Wege zur Musik, tausend Wege als Musiker und die Weichen für den eigenen Weg wurden noch vor der ersten Unterrichtsstunde gestellt…

 

Sicherlich, es gibt die Möglichkeiten der Ummeldung, des Besuchs von Ferienkursen etc, um das eigene musikalische Curriculum doch noch in die eigenen Hände zu nehmen. Das machen dann die besonders Ambitionierten und Reifen aber sollte das nicht eigentlich jeder Schüler selbstverständlich (möglichst früh) tun?

 

So schlage ich vor, dass wir in unseren Musikschulen, in unseren Musizierhäusern die Türen offenhalten, damit jede Lehrerin und jeder Schüler den Themen begegnen kann, die er gestern vielleicht noch nicht kannte. Ein „Vorlesungsverzeichnis“ wäre eine solche offene Tür. Wenn eine Hornschülerin sich für den Kurs „Songwriting“ interessiert, wenn ein Gitarrist Klezmermusik kennen lernt, wenn ein Cellist sich bei der Rockband einschreibt, dann sind diese Schüler vielleicht teilweise oder sogar völlig entkoppelt von den Vorlieben ihrer Fachlehrer, die sich dann vielleicht sogar Mentoren nennen dürften, weil sie nicht mehr nur lehren sondern das Lernen inspirierend begleiten und sogar selbst praktizieren. Dabei könnten sie in ihrer musikalischen Identität authentisch bleiben, ohne sich Sorgen machen zu müssen, ob das vielleicht "zu wenig" oder unzeitgemäß  für jeden einzelnen Schüler ist. Diese erahnen durch die Fülle und Variabilität des Vorlesungsverzeichnisses die Größe der musikalischen Welt und es ist ihre, allein ihre Entscheidung, wie viel sie sich davon erschließen möchten oder können. Die Musikschule wäre der Ort, wo diese Art des selbstverantwortlichen Lernens institutionell gefördert und nicht mehr auf ebenso selbstverständliche wie unausgesprochene Weise be- oder gar verhindert würde…

 

Das System hätte noch eine Menge weiterer Vorteile: Deputate von Lehrern von „Mangelfächern“ wären nicht mehr ausschließlich auf ihren Instrumentalunterricht angewiesen, Kurse könnten interkulturell und/ oder intergenerativ angeboten (und z.B. finanziert) werden. Es würde aber auch die Bereitschaft der Schüler voraussetzen, mehr Zeit im Haus des Musizierens zu verbringen, was dann vielleicht leichter zu organisieren wäre, wenn Kurse z.B. in Zusammenarbeit mit allgemein bildenden Schulen veranstaltet würden und auch dort für das Schulleben oder gar für die Zeugnisse „Credits“ einbringen würden…